
Die Schweiz: eine Liebeserklärung
Ich lebe seit fast zwanzig Jahren in der Schweiz. Ein paar Dinge wundern mich noch immer.
An das nicht ganz einfache Verhältnis der Schweizer zu den Deutschen habe ich mich gewöhnt. Ich versuche, mich anzupassen und etwas mehr «Musikgehör» zu entwickeln.
In Deutschland redet man direkter, in der Schweiz durch die Blume. Was bei uns Offenheit heisst, kommt hier leicht als Ungehobeltheit an. Nicht immer gelingt es mir, die feinen Signale zu verstehen und genauso fein zurückzufunken. Aber ich arbeite daran, und meine Schweizer Frau hilft mir dabei.
Eines verstehe ich bis heute nicht: dass die Schweiz nicht selbstbewusster ist. Dass sie den grösseren Ländern entgegenkommt, wenn denen die Schweizer Eigenheiten nicht gefallen.
Als ich in die Schweiz kam, um einen neuen Geschäftsbereich bei einer Schweizer Bank aufzubauen, hatte unser Team ein Motto: «Wo wir sind, ist vorne.» Das war augenzwinkernd gemeint. Aber es stand für eine Haltung, an der wir uns messen lassen wollten.
Die Schweiz dürfte das auch von sich sagen. Durch die Blume natürlich. Oder als stilles Selbstgespräch. Andere Länder staunen jedenfalls nicht schlecht, wenn sie auf die Schweiz schauen – und wären gern so weit vorne wie sie.
Sie sind skeptisch? Erlauben Sie mir eine persönliche Beweisführung. Vier Szenen aus zwanzig Jahren Schweiz.
Neun Franken zwanzig
2007 zog ich in die Schweiz. Für einen Franken musste ich damals noch 1.64 Euro auf den Tisch legen. Heute, fast zwanzig Jahre später, hat der Euro gegenüber dem Franken 44 Prozent seines Wertes eingebüsst. Das britische Pfund: minus 56 Prozent. Der japanische Yen: minus 51. Der kanadische Dollar: minus 49. Der US-Dollar: minus 34.
Merken Sie was?
Eine meiner ersten Überraschungen war ein belegtes Brötchen in einer Bäckerei mitten in Zürich. Neun Franken zwanzig. In Deutschland hatte ich nie auch nur annähernd so viel für ein Brötchen bezahlt. Für mein Geld bekam ich Roastbeef, einen Hauch feinen Senfs, ein paar Kräuter, etwas Remoulade, eine Gurke – und auch das Brötchen selbst war eine Delikatesse. An der Qualität gab es nichts zu meckern. Aber der Preis …
Später lernte ich, was hinter diesen Preisen steckt. In der Schweiz verdienen ganz normale Arbeitnehmer brutto sehr viel mehr als in Deutschland. Im Detailhandel liegt der Schnitt bei 5'200 Franken im Monat (Deutschland umgerechnet 2'600). Eine Coiffeuse verdient rund 4'300 Franken (Deutschland knapp 2'000).
Von da an war die Sache für mich in Ordnung. Das Brötchen kostet so viel, weil die Person, die es belegt, anständig entlöhnt wird. Ich hatte meinen Frieden mit den Schweizer Preisen gemacht.
Nach Steuern sieht es noch besser aus. Deutsche Arbeitnehmer geben rund 30 Prozent ihres Lohns für Steuern und Sozialabgaben ab, Schweizer knapp 20. Und wenn sie mit dem Rest in den Laden gehen, zahlen sie in Deutschland 19 Prozent Mehrwertsteuer – in der Schweiz 8.1.
Und erst die Schulden: In der Schweiz sind wir schon unzufrieden, wenn unsere Staatsschulden 36 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung erreichen. Zum Vergleich: Japan 226 Prozent. USA 128. Kanada 113. Grossbritannien 105. Eurozone 88.
Die grossen Industrienationen und die EU hätten allen Anlass, sich bei der Schweiz nach den Prinzipien zu erkundigen, auf denen ihr Wohlstand ruht. Denn wo die Schweiz ist, ist vorne.
Das Auge fürs Detail
Wer in Deutschland an einer Sportanlage vorbeigeht, sieht manchmal ein Fussballnetz, das seit einem Jahr gerissen ist und seinen Zweck kaum noch erfüllt. Oder eine Bank am Waldrand, deren Bretter so vermodert sind, dass man lieber im Stehen isst.
In fast zwanzig Jahren Schweiz habe ich das nicht ein einziges Mal gesehen. In Laufen (BL) nimmt die Gemeinde die Holzbretter der Bänke im Winter ab, lackiert sie bei Bedarf und bringt sie im Frühjahr wieder an.
Es kommt noch besser: Grillstellen mitten in der Natur, an denen schon ein Vorrat trockenes Holz bereitliegt, um einen Klöpfer zu grillieren. Brunnen mit Trinkwasser an Wanderwegen, damit man nach ein paar Stunden Kraxeln den Durst stillen kann.
Für die Schweizer ist das Business as usual. Für mich als Wahlschweizer ist es Anlass zur Begeisterung – über die Sorgfalt und Aufmerksamkeit, die hier überall waltet.
Schalter drei
Als ich mein erstes Auto in der Schweiz einlösen musste, nahm ich mir sicherheitshalber einen halben Tag frei. So hatte ich es in Deutschland gelernt.
In Hofheim am Taunus – einem hübschen Städtchen nahe Frankfurt – hatte mich das Einlösen eines Autos regelmässig einen halben Arbeitstag gekostet. Erst Schalter eins: Gebühren bezahlen. Dann Schalter zwei: Nummernschild auswählen. Dann zum Schildermacher, der das Schild prägte. Dann zum nächsten Schalter, Quittung vorzeigen, Plakette aufkleben lassen. Aufwand: zwei bis drei Stunden plus Fahrtzeit.
Ich fuhr also morgens zum Strassenverkehrsamt in Lenzburg. Kurz hinter dem Eingang blickte mich ein freundliches Gesicht über einen Empfangstresen hinweg an.
«Ich bin zum ersten Mal hier und weiss nicht recht, wie das funktioniert. Ich möchte mein Auto einlösen.»
«Gehen Sie einfach da vorne zu Schalter drei.»
Eine Person war vor mir dran. Kaum eine Minute später kam ich an die Reihe. Ich reichte meine Unterlagen rüber. Der Mitarbeiter blätterte sie durch und nickte.
«Alles in Ordnung. Gehen Sie da vorne durch die Tür und holen Sie sich Ihre Schilder.»
«Ist das alles?», fragte ich. «Muss ich nichts bezahlen?»
«Die Rechnung schicken wir Ihnen nach Hause.»
Ich war fassungslos. Dann fuhr ich heim und genoss einen geschenkten Vormittag bei schönstem Wetter.
Natürlich habe ich später auch die bürokratisch sture Seite der Schweiz kennengelernt. Aber selbst in solchen Fällen – und sie waren seltener als in Deutschland – fand ich meist jemanden, der mir die Lage erklärte, Verständnis zeigte und manchmal sogar einen Ausweg wusste.
Wie macht die Schweiz das?
Ich habe lange darüber nachgedacht, warum so vieles in der Schweiz so viel besser läuft als in Deutschland.
In Deutschland denken wir zuerst an die direkte Demokratie. Wir beneiden die Schweiz um ihre Volksabstimmungen, wenn wir mit unseren Politikern unzufrieden sind. Ich glaube auch, dass das Referendum die Politik in der Schweiz erdet, weil allzu grosser Blödsinn Folgen hat.
Der tiefere Grund für den Vorsprung der Schweiz aber liegt woanders: im Subsidiaritätsprinzip. In der Schweiz wird so viel wie möglich dort entschieden, wo die Verantwortlichen mit eigenen Augen sehen, was passiert – und selbst eingreifen können, ohne in der Kantons- oder Bundeshauptstadt Anträge zu stellen.
Mein damals 84-jähriger Nachbar erzählte mir vor ein paar Jahren, der Treppenweg vom Laufener Bromberg ins Zentrum sei für ihn kaum noch begehbar. Die Stufen seien ausgetreten. Er wolle das der Gemeinde melden.
Wenige Wochen später rückte ein Bautrupp an und renovierte alle 250 Stufen.
Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie viele Anträge und Genehmigungen man bräuchte, um so etwas in Deutschland in Gang zu bringen.
Der neue Anfang
Meine Zeit in der Schweiz hatte Höhen und Tiefen. 2009 frass die Finanzkrise meinen Job. Kurz darauf war ich arbeitslos. Das war auch in der Schweiz nicht einfach. Einen neuen Job zu finden ist schwer, wenn die eigene Branche gerade 100'000 Stellen abbaut.
Aber dann kam mir eine andere Schweizer Tugend zu Hilfe: das lebenslange Lernen. Statt weiter angestellt zu sein, wagte ich den Schritt in die Selbstständigkeit – und wählte durch pures Glück eine Branche, in der genau diese Tugend mir den Start erleichterte.
Zusammen mit meiner Frau übernahm ich eine kleine Schule für Sprache, Marketing und Kommunikation. Die Leidenschaft für gute Sprache trug ich schon als Schüler in mir. Als sich die Chance ergab, sie zum Beruf zu machen, ergriff ich sie.
Im ersten Jahr als Unternehmer machte ich viele dumme Fehler und arbeitete so hart wie nie zuvor in meinem Leben. Aber wir schrieben eine schwarze Null, und ab dem zweiten Jahr ging es bergauf. Auch in dieser kleinen Branche steht nichts still: Die Coronapandemie hat uns gebeutelt, und die KI-Entwicklung verändert die Nachfrage nach Schreibkursen grundlegend.
Es war und ist nicht einfach. Aber das ist das tägliche Brot des Unternehmers: sich zu verändern, damit man bleiben kann, was man ist.
Was ich mir für die Schweiz wünsche
Immer wenn die Schweiz sich mit anderen vergleicht, denke ich an all das: das Brötchen, die Grillstellen, Schalter drei, die 250 Stufen.
Natürlich muss auch die Schweiz sich verändern, um zu bleiben, was sie ist. Aber sie hat keinen Grund, sich klein zu machen. Wenn sie ihre Herausforderungen wie ein Unternehmer angeht, bleibt sie weiter vorne.
Matthias Wiemeyer
Impulse für die Schweiz
Demain möchte eine Schweiz, die wieder als Gemeinschaft zusammenhält und sich selbstbestimmt in die Zukunft bewegt. Wir sind nicht neutral, aber wir sind sachlich. Wo wir stehen lesen Sie in unseren Beiträgen.