Stausee im Winter – Symbol für das saisonale Speicherproblem der Schweizer Energieversorgung | Demain

CO2-neutrale Energieversorgung der Schweiz – was kostet das wirklich?

Physiker der EPFL rechnen durch, was eine vollständig CO2-neutrale Energieversorgung der Schweiz kosten würde. Sieben Technologiepfade werden verglichen und mit einem Preisschild versehen – kein politisches Plädoyer, sondern eine Ingenieursstudie, die zeigt, wo die echte Engstelle liegt.

CO2 Neutral Energy Security for Switzerland Andreas Züttel et al., EPFL / Empa · 2024 · Studie Artikel lesen →

Zentrale Aussagen

Das eigentliche Problem ist nicht die Stromerzeugung, sondern die Speicherung. Photovoltaik und Wind können rund 75 Prozent des Schweizer Strombedarfs günstig abdecken. Das verbleibende Viertel – Strom auf Abruf im Winter – ist das saisonale SpeicherproblemDie Schweiz produziert im Sommer weit mehr Strom als sie braucht und zu wenig im Winter. Diese Differenz von rund 20 TWh jährlich muss irgendwie überbrückt werden – das ist das saisonale Speicherproblem. . Dieses saisonale Problem ist der grösste Kostentreiber.

Kernkraft und Bio-Öl-Kraftwerke sind die günstigsten On-Demand-Optionen. Für die 25-Prozent-Lücke werden sieben Technologien verglichen. Thermische Kombikraftwerke mit Bio-Öl und zukünftige Kernkraftwerke (Thorium-FlüssigsalzreaktorFlüssigsalzreaktoren sind eine noch nicht kommerziell verfügbare Reaktortechnologie der nächsten Generation. Sie gelten als sicherer und effizienter als heutige Kernkraftwerke, befinden sich aber grösstenteils noch im Experimentierstadium. ) kommen auf vergleichbare Kosten von 0.06–0.08 CHF/kWh. Photovoltaik mit Wasserstoffspeicher kostet das Siebenfache.

Als bevorzugtes Szenario empfiehlt die Studie thermische Kombikraftwerke mit Bio-Öl oder Wasserstoff. Kernkraft ist eine der durchgerechneten Optionen – bei vergleichbarem Preis, aber gesetzlich blockiert. Der entscheidende Unterschied liegt in der Betriebsweise: Kernkraftwerke laufen kontinuierlich das ganze Jahr und lösen das Winterproblem über ihre konstante Grundlast, überschüssiger Sommerstrom wird in Stauseen gepumpt. Kombikraftwerke laufen auf Abruf: Sie stehen still, solange PV und Wasserkraft reichen, und liefern gezielt im Winter. Das macht sie zur passenderen Ergänzung – und das Palmöl in bestehenden Tanks ist der Speicher.

Nicht alle Importe sind gleich teuer – die Unterschiede sind enorm. Das empfohlene Szenario mit importiertem Palmöl (zu synthetischem KraftstoffPalmöl wird mit Wasserstoff veredelt, damit es als synthetischer Kraftstoff in Kombikraftwerken eingesetzt werden kann. verarbeitet) käme auf rund 1.70 CHF/Liter und etwa 5'300 CHF pro Kopf und Jahr. Dagegen wäre vollständig synthetischer Importkraftstoff, hergestellt aus PV-Strom und CO₂ aus der Luft, mit 10.80 CHF/Liter und bis zu 21'000 CHF pro Kopf die teuerste aller Optionen – weil drei energieintensive Umwandlungsschritte hintereinandergeschaltet werden müssen.

Vollständige Elektrifizierung senkt den Gesamtenergiebedarf um ein Drittel. Wärmepumpe und Elektroauto brauchen weniger Energie als Ölheizung und Verbrenner – der Gesamtenergiebedarf sinkt von 232 auf 156 TWh jährlich. Der Strombedarf steigt dabei fast auf das Doppelte, weil mehr Anwendungen auf Strom umgestellt werden.

Europäischer Stromhandel löst das Versorgungsproblem nicht. Alle europäischen Länder haben dieselben Jahreszeiten – und damit denselben Winterengpass gleichzeitig. Jedes Land muss eigene Reserven aufbauen. Die Studie empfiehlt, Energie in Form von synthetischem Öl zu speichern: Die bestehende Infrastruktur – Öltanks, Pflichtreserven von 4,5 Monaten – kann direkt weitergenutzt werden.


Anmerkung der Redaktion – März 2026

Die Studie wurde 2024 als Ingenieursstudie geschrieben – primär als Kostenvergleich. Die Frage der Versorgungssicherheit gegenüber geopolitischen Risiken stand nicht im Vordergrund. Seit den internationalen Verwerfungen der letzten Jahre hat diese Dimension aber an Gewicht gewonnen.

Unter diesem Blickwinkel könnte die Kernkraft einen Vorteil haben, den die Studie nicht bewertet: Ein Kernkraftwerk der nächsten Generation verbraucht laut Studie weniger als 30 Tonnen Brennstoff pro Jahr. Diese geringe Menge lässt sich auf engem Raum jahrelang einlagern. Wer fünf Jahre Vorrat hält, ist gegenüber kurzfristigen Lieferunterbrechungen weitgehend unabhängig. Das Bio-Öl-Szenario hingegen erfordert laufende Tankerlieferungen im grossen Massstab – robuster als Erdgas aus einer einzelnen Pipeline, aber strukturell ähnlich wie die heutige Importabhängigkeit.

Welche Lösung im Krisenfall widerstandsfähiger ist, lässt die Studie offen. Es ist eine politische Abwägung, die über Ingenieursfragen hinausgeht.