
Kann die Wirtschaft umweltverträglich wachsen?
Ein Chefökonom des Bundes und eine Professorin für Umweltökonomie tauschen ihre Positionen aus – im klassischen Kontrovers-Format. Die Zeitschrift lässt beide Positionen stehen.
Zentrale Aussagen
Wachstum und Umwelt lassen sich entkoppeln – sagt der eine. Eric Scheidegger verweist auf die Schweiz: Die Wirtschaft ist gewachsen, die Treibhausgasemissionen sind gesunken. Das nennt man EntkopplungWirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch entwickeln sich nicht mehr parallel – die Wirtschaft wächst, der ökologische Schaden steigt nicht im gleichen Masse. . Sein Argument: Umweltpolitik und Marktmechanismen funktionieren, wenn man sie richtig einsetzt.
Effizienzgewinne verpuffen – sagt die andere. Irmi Seidl hält dagegen: Wer effizienter produziert, verbraucht dadurch nicht weniger, sondern oft mehr – weil das Produkt günstiger wird und mehr genutzt wird. Dieser Rebound-EffektEffizienzgewinne werden durch erhöhten Konsum kompensiert oder aufgehoben. Beispiel: Ein sparsameres Auto wird mehr gefahren, weil das Fahren billiger wird. frisst laut Seidl rund die Hälfte aller Effizienzgewinne auf.
Eine echte Entkopplung hat nicht stattgefunden. Seidl: Die Emissionen der Schweiz sinken – aber sie müssten zehnmal stärker sinken, um die Pariser KlimazieleInternationales Klimaabkommen von 2015, das die Erderwärmung auf unter 2 °C begrenzen soll. Für die Schweiz wären drastisch stärkere Reduktionen nötig als bisher erreicht. zu erreichen. Beim Ressourcenverbrauch insgesamt gibt es überhaupt keinen Rückgang: Er wächst weiter, nur etwas langsamer als die Wirtschaft.
Nullwachstum löst keine Verteilungsprobleme – es schafft neue. Scheidegger bringt ein politisches Gegenargument: Wenn die Wirtschaft nicht wächst, muss Wohlstand umverteilt werden. Das erzeugt Konflikte, die politisch schwerer zu lösen sind als ökologische Regulierung.